Tonios Glück
Die Zukunft
Leseprobe
Bezug
Gedanken
KI, der Mensch und das Wissen
In den Jahren, als ich an der Novelle Tonios Glück arbeitete, war noch nicht erkennbar, wie rasant und umfassend der Durchbruch bei der KI-Technologie eintreten würde. Vor dem Hintergrund der heutigen KI-Technologie einige Gedanken dazu:
Zeit Nr. 32 vom 31. Juli 2025 Interview mit Ray Kurzweil
Kurzweil: […] wenn wir Menschen mit der KI verschmelzen. Das ist der einzige Weg, um mit der immer intelligenteren KI mitzuhalten und nicht von ihr beherrscht zu werden. Das Verschmelzen wird sich in mehreren Schritten vollziehen. Ich rechne damit, dass wir in vier Jahren, 1929, in der Lage sein werden, die rund 20 Milliarden Neuronen des Neokortex unseres Gehirns in direkte Verbindung mit einem Computer zu bringen. Durch Implantate zum Beispiel.
[…] wird man nicht mehr sagen können, ob die Antwort aus dem eigenen Gehirn oder dem KI-Assistenten auf dem Chip stammt.
[…] die KI hat schon jetzt ungefähr eine Million Bücher gelesen. Sie wird uns eine ganz neue Art des kulturellen Reichtums eröffnen.
Den Aussagen von Ray Kurzweil liegt ein bestimmtes Menschenbild zugrunde. Er scheint Information mit Wissen gleichzusetzen. Mein Verständnis geht davon aus, dass der Mensch aus Information in einem Erkenntnisprozess erst Wissen erschaffen muss und dass dies über ein inneres Erleben von Wirklichkeit geschieht. Das benötigt eine Entwicklung in Zeit und Raum.
Ich weiß aus dem Austausch mit Lesern, dass jeder ein Buch – zumindest meine Bücher – auf seine Weise und in seinem Verständnis liest. Es ist dann auch seine Geschichte, die dort erzählt wird. Sogar ich verstehe meine von mir geschriebenen Bücher zu anderen Zeiten auf andere Weise. Sie enthalten unzählige Informationen, die es ermöglichen, auf der Basis eigener Erfahrungen verschiedenartiges Wissen zu erlangen.
Wir Menschen existieren in einem kosmischen „Informationsmeer“. Unsere Wirklichkeit, in der unser irdisches Dasein stattfindet, ist „randvoll“ von Informationen. Indem wir uns mit unserer Umgebung und mit uns auseinandersetzen, erwerben wir daraus Wissen. Dies ist ein intensiver Prozess der Entdeckung und Erforschung. Die Information eines Buches, welches uns eine Maschine zur Verfügung stellt, sagt uns nichts, wenn wir das nicht in unsere durch unser Erleben gestaltete Vorstellungen einordnen können.
Ein wesentlicher Teil unseres Menschseins besteht aus dem Prozess der Generierung von Wissen aus Informationen. Das zu vollbringen, erlaubt uns unser Überleben und Gestalten der Welt. Wir entwickeln im Leben geistige Vorstellungen, Begriffe, Grundannahmen, auf deren Basis wir denken und handeln. Dem Wissen liegt ein lebendiger schöpferischer Prozess zugrunde.
Genau solch ein Verständnis benötigen Maschinen nicht. Sie werten das Wissen der Menschen aus, indem sie die dahinterliegenden Muster (sinngebende Verknüpfung von Informationen) erkennen. Muster, die ihren Ursprung im menschlichen Denken und Handeln haben. Diese Muster lassen sich erfolgreich bei der Auswertung von Informationen durch die Maschine anwenden und können den Menschen dann bei der Gewinnung von weiterem Wissen umfassend unterstützen
Alle Phänomene der Welt stehen in einem Zusammenhang und deshalb können sie durch den Menschen, der Teil der Gesamtheit ist, in einem geistigen Geschehen erfasst werden. Alles Leben erwirbt in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit Erkenntnis oder Wissen. Maschinen imitieren den Vorgang auf Basis der vom Menschen geleisteten „Arbeit“ zum Wissenserwerb. Wenn der Mensch seine Einbettung als Teil der Schöpfung nicht erkennt, sondern sich als getrenntes, autonom funktionierendes Wesen ansieht, nähert er sein Selbstbild dem einer Maschine an.
Die Roboter erfüllen nicht allein alle materiellen Bedürfnisse des Menschen, sondern optimieren gleichfalls seine neuronale Aktivität. Ein Bewohner der Zivilisation muss nichts denken, fühlen oder empfinden, was ihm missfällt und nicht zu seinem Wohlbefinden beiträgt.
Aus: Tonios Glück