{"id":934,"date":"2020-09-04T19:00:59","date_gmt":"2020-09-04T19:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/einschamanenweg.de\/?page_id=934"},"modified":"2026-02-09T11:11:20","modified_gmt":"2026-02-09T11:11:20","slug":"vom-schreiben","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/einschamanenweg.de\/?page_id=934","title":{"rendered":"Vom Schreiben"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Vom Schreiben, Denken, Glauben und Tr\u00e4umen in unserer Zeit<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-936\" src=\"https:\/\/einschamanenweg.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Goetheanum-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"263\" srcset=\"https:\/\/einschamanenweg.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Goetheanum-300x225.jpg 300w, https:\/\/einschamanenweg.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Goetheanum.jpg 559w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/>\u201eVermag das Buch meinen Blick auf die Welt dauerhaft zu ver\u00e4ndern? Nehme ich sie nach der Lekt\u00fcre anders wahr als vorher?\u201c Diesen Anspruch formulierte der bekannte Literaturkritiker Denis Scheck als seinen Ma\u00dfstab zur Bewertung der Qualit\u00e4t von Literatur. Was er mit dieser Aussage ausdr\u00fccken m\u00f6chte, will ich nicht interpretieren, aber seinen Satz als Anregung f\u00fcr einige \u00dcberlegungen nutzen.<\/em><\/p>\n<p><em>Es mag einem in heutiger Zeit so scheinen, als habe sich \u00fcber die Kunst, die Literatur, die Medien eine Patina des Gleichklangs gelegt, die keinen Glanz durchscheinen lassen will, der von einem anderen Bild des Menschen und Lebens erz\u00e4hlt, als es das herrschende Verst\u00e4ndnis zul\u00e4sst. Die Welt neu zu denken, sie neu zu entdecken, ein neues Verst\u00e4ndnis von ihr zu fordern \u2013 und zwar grundlegend \u2013 dringt kaum in das Blickfeld.<\/em><\/p>\n<p><em>Denn unsere Kultur \u2013 zumindest in Deutschland und umgebenden L\u00e4ndern \u2013 meint erreicht zu haben, was von den Vertretern des Fortschritts \u00fcber Jahrhunderte angestrebt wurde. Sie hat sich in einer Wirklichkeit eingerichtet, die Freiheit und Gl\u00fcck den Gesetzen des Marktes unterworfen hat. Der Wert von jeglichem wird in Geld gemessen. Diese Kultur fordert nun f\u00fcr das Prinzip, auf den sie fu\u00dft, das allumfassende Einverst\u00e4ndnis \u2013 auch der Kunst. Das Leben soll von Vernunft und Zweck beherrscht sein. War bis in die Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts die Idee, dass die Welt als Ort von Gleichberechtigung aller Lebensformen und des individuellen Strebens jedes Menschen nach seinem pers\u00f6nlichen materiellen Nutzen anzusehen ist, noch umk\u00e4mpft, so scheint diese Haltung zur \u201eherrschenden\u201c und \u201erichtigen\u201c geworden zu sein. Noch muss sie gegen die \u201eGestrigen\u201c verteidigt werden, gegen die, die zur\u00fcck zur Nation, dem Volk, der Familie, der Religion, zu all den tradierten Werten der vergangenen Zeiten wollen, von denen der moderne Mensch sich emanzipiert hat. Trotz dieses Widerstands hat eine Kulturausrichtung, die sich dem materiell messbaren Fortschritt verpflichtet sieht, die Oberhand gewonnen. Auch wenn die Anerkennung einer Idee noch keinesfalls ihre Realisation bedeutet. Trotzdem m\u00f6chte sich nun der moderne Mensch in der Gewissheit, am Ziel angelangt zu sein, ausruhen und f\u00fcr sein Weltbild unumschr\u00e4nkte G\u00fcltigkeit verlangen.<\/em><\/p>\n<p><em>Doch weitere Ver\u00e4nderung \u2013 die Fortf\u00fchrung m\u00f6glicherweise die Vollendung der Aufkl\u00e4rung \u2013 klopft an die T\u00fcr des Weltengangs. Diese sieht im Erreichten nur einen Zwischenschritt der Emanzipation und Individualisierung, einen erforderlichen Schritt, um vom Reich der Notwendigkeit, in dem der Mensch sich von h\u00f6heren M\u00e4chten bestimmt sah, Abschied nehmen zu k\u00f6nnen. Diese M\u00e4chte konnte er versuchen zu beschw\u00f6ren, und ihm g\u00fcnstig zu stimmen, doch sie schienen ganz unabh\u00e4ngig zu handeln. Jetzt soll das Reich der M\u00f6glichkeit betreten werden, in welchem der Mensch sich als Gestaltenden der Welt selbst in den Mittelpunkt stellt. Hier muss er seine Verantwortlichkeit erkennen. Denn er setzt aus seinem Sosein, welche M\u00f6glichkeit der vielen sich verwirklicht. Sein Bewusstsein und damit seine Entwicklung r\u00fccken in den Fokus der Wahrnehmung.<\/em><\/p>\n<p><em>Andererseits noch h\u00e4ngt die Menschheit an \u00fcberbrachten Ideen. Das Verst\u00e4ndnis der Welt als Ort der Dominanz und Ausbeutung konnte die Aufkl\u00e4rung kaum ersch\u00fcttern. Sind doch Imperialismus und Kapitalismus Kinder der gleichen Epoche. Die Haltung, Mensch und Natur den eigenen Interessen \u2013 und seien sie noch so aufgekl\u00e4rt \u2013 zu unterwerfen, zeigt sich in gro\u00dfer allt\u00e4glicher Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Der Mensch versteht sich als Wesen, das sich durch Beherrschung \u2013 auch seiner selbst \u2013 in einer unwirtlichen Umwelt zu behaupten hat. Er sieht sich als Teil einer Ordnung, in der das Prinzip der Regentschaft gilt. Diese Wirklichkeit bestimmt das Verst\u00e4ndnis vom Leben bezogen auf Kultur und Natur. Der eigene Wille soll sich durchsetzen. Der eigene Vorteil ergibt den Nachteil des anderen, wer oder was auch immer dies ist!<\/em><\/p>\n<p><em>Allerdings in heutiger Zeit wankt und krankt die Ordnung der Dominanz und Unterdr\u00fcckung. Mit Nachdruck wird der Menschheit die Zerst\u00f6rungskraft ihrer Haltung dem Leben und der Welt gegen\u00fcber bewusst: Erderw\u00e4rmung, Klimakrise, Umweltzerst\u00f6rung, Armut, Spaltung der Gesellschaft und Weltordnung in Arme und Reiche, Krankheit und ein nicht nachhaltig wirkendes Gesundheitssystem, welches den Menschen zum Objekt degradiert, Hunger, Krieg, Terror, die aus der Ausbeutung erwachsen oder diese begr\u00fcnden, lassen sich nicht mehr ignorieren. Und was zudem zu erkennen ist: Der un\u00fcbersehbare Schaden ist menschengemacht, entspringt dem Handeln und der Haltung des Menschen.<\/em><\/p>\n<p><em>Neue Fronten verlaufen zwischen den Leugnern der eigenen Verantwortung, den Anh\u00e4ngern von und Gl\u00e4ubigen an Herrschaft und Dominanz (Populisten, Nationalisten \u2026) und denen, die die eigene Zust\u00e4ndigkeit und Verantwortung voller Schreck erkennen. Sie sehen, wie Untergang, Schmerz und Leid drohen, wenn die Ausbeutung kein Ende findet und die Vers\u00f6hnung zwischen den Menschen untereinander und mit der Natur scheitert. Doch nur m\u00fchsam w\u00e4chst ein neues Verst\u00e4ndnis der eigenen Rolle im irdischen Geschehen heran.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Mensch lernt gefangen in einem System der Gegens\u00e4tze in steter Dialektik. Die Aufkl\u00e4rung hat versprochen, durch Erkenntnis, gewonnen in objektiver, wissenschaftlicher Weise, den Menschen zu befreien und zu retten. Die Wahrheit liegt nicht mehr in dem Wissen einer Religion, im Bezug auf einen g\u00f6ttlichen Willen, verk\u00fcndet die Aufkl\u00e4rung, sondern in der Erkenntnis des Menschen selbst \u00fcber die Welt. Das garantiert die Wissenschaft und dies gebiert zugleich den Irrtum, die Wissenschaft w\u00e4re der Quell einer objektiven, absoluten Wahrheit; aus ihr lie\u00dfe sich dauerhaft Halt im Leben finden und der Sinn des Seins ergr\u00fcnden. Allein die moderne Wissenschaft ist nicht mehr als ein Verfahren oder eine Haltung zur Wissensgewinnung, welches zugleich jede gewonnene Erkenntnis infrage stellt, niemals eine endg\u00fcltige Antwort findet, sondern den Wandel zur unbedingten Maxime des Verh\u00e4ltnisses des Menschen zur Welt erkl\u00e4rt. Nur die Mathematik mag hier ausgenommen sein, soweit der mathematische Beweis ein allzeit g\u00fcltiger zu sein scheint.<\/em><\/p>\n<p><em>So sieht sich der moderne Mensch, der die Tradition der religi\u00f6sen Welterkl\u00e4rung hinter sich lassen m\u00f6chte, nur allzu oft im Verlangen gefangen, die Wissenschaft mit ihrer Objektivit\u00e4t und ihrem Materialismus m\u00f6ge seine neue Religion sein, ihm die Welt f\u00fcr immer g\u00fcltig erkl\u00e4ren und die Instrumente ihrer Beherrschung zur Verf\u00fcgung stellen. Diese scheinbar aufgekl\u00e4rte Haltung f\u00fchrt somit fort, von was der Mensch sich meint mit der Aufkl\u00e4rung getrennt zu haben: Die Annahme, in den Besitz einer absoluten Wahrheit und Richtigkeit gelangen zu k\u00f6nnen und dar\u00fcber die Wirklichkeit zu bestimmen \u2013 ein Recht auf Dominanz und Ausbeutung zu besitzen.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Aufkl\u00e4rung muss ganz vollzogen werden und dies bedeutet zugleich, sie muss sich mit dem Weltverst\u00e4ndnis (der Antithese), dem sie sich entgegenstellte, als sie auch das Subjektive, Religi\u00f6se, das Geistige, den Sinn und die Bestimmung aus der Wirklichkeit verbannte, vers\u00f6hnen. Der Einzelne w\u00fcsste, f\u00e4nde er neuen Einklang mit dem Abgelehnten, darum, dass sein Verst\u00e4ndnis der Wirklichkeit immerfort dem Wandel unterliegen soll; er sich zu entwickeln hat und das Gegen\u00fcber ihm hierbei ein hilfreicher Lehrer sein kann, gerade weil er von ihm verschieden ist. Das eigene Sein w\u00e4re nicht durch einen im Augenblick erreichten Stand der Wissenschaft, was heute ein reduktionistisch-materialistisches Verst\u00e4ndnis bedeuten mag, begrenzt, sondern offen f\u00fcr inneres, geistiges Wachstum, neue Fragen und eine bisher noch unbekannte Erkenntnis. Werden Natur und Mitmensch auf diese Weise betrachtet, dann ist die Beziehung nicht mehr durch Ausbeutung, sondern die Verantwortung f\u00fcr sich selbst bestimmt.<\/em><\/p>\n<p><em>Zugleich er\u00f6ffnet die gesuchte Synthese von Objektivit\u00e4t und Subjekt, von Geist und Materie, Vernunft und Irrationalit\u00e4t, den Raum f\u00fcr die Individualit\u00e4t des Menschen, welche unumkehrbar im Weltengang fortschreitet. Denn der Einzelne definiert sich nicht l\u00e4nger \u00fcber die Gruppe, der er angeh\u00f6rt, mit ihren f\u00fcr alle Mitglieder festgelegten Werten und Wahrheiten. Er ist ausgebrochen aus ihr und aufgebrochen, als Individuum \u201eallein\u201c seinen Weg zu gehen. Dar\u00fcber mussten die tradierten Werte und absoluten Wahrheiten wanken und schwand die Gewissheit \u00fcber die eigene Identit\u00e4t. Der Mensch muss selbst das im Prozess der Emanzipation Verlorene finden. Materielle G\u00fcter k\u00f6nnen die entstandene L\u00fccke nur kurzzeitig f\u00fcllen und niemals schlie\u00dfen. So wachsen in jedem die Not und das Verlangen nach der Vers\u00f6hnung mit Geist und Lebenssinn.<\/em><\/p>\n<p><em>Was ist nun mit der Kunst, der Literatur und der Patina des herrschenden Weltbildes, welches \u00fcber ihr liegt? Will Kunst sein, dann sollte sie zu jeder Zeit aus tieferen Quellen sch\u00f6pfen, als ein Weltverst\u00e4ndnis es dem Augenblick vorgibt. Im K\u00fcnstler kann die Auseinandersetzung zwischen seinem inneren Erleben, das aus den zeitlosen Bedingungen des Seins sch\u00f6pft, und dem herrschenden Verst\u00e4ndnis, wie Wirklichkeit zu verstehen ist, stattfinden. Geschieht dies, befindet sich der K\u00fcnstler in einer unbedingten Gegenposition zur Gesellschaft, denn er pl\u00e4diert zwangsl\u00e4ufig f\u00fcr die \u00dcberwindung des Bestehenden, die weitere insbesondere geistige Entwicklung und m\u00f6chte zur neuen Synthese zwingen, indem er eine andere Sicht auf Mensch und Natur einbringt. Und jeder Mensch ist ein K\u00fcnstler, meinte Joseph Beuys. Dieser Satz ist ganz unbedingt ernst zu nehmen.<\/em><\/p>\n<p><em>Noch heute gelingt es den Gro\u00dfen, einem Shakespeare oder Goethe, weiterhin, uns in das Spannungsverh\u00e4ltnis von unserem Verst\u00e4ndnis irdischer Existenz und ihrem tieferen Wissen zu zwingen. Ein Rushdie oder Beuys stellen uns in ihren Werken die Frage, wer wir sind in stetiger und wiederholt neuer Form. Kunst soll uns nicht best\u00e4tigen, es sei denn in unserer Suche. Dies mag vielen missfallen, die sich hierdurch ihres Lebensgrunds beraubt sehen, und m\u00f6glicherweise akzeptieren sie solch eine Verunsicherung auch nur, wenn ihnen dies von einer \u201eAutorit\u00e4t\u201c als notwendig verk\u00fcndet wurde. Vielleicht schenkt aber dem Betrachter oder Leser der Kunst auch die Subjektivit\u00e4t des eigenen Gef\u00fchls den Zugang zu Sinn und Schicksal.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDie einzig revolution\u00e4re Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativit\u00e4t \u2013 die einzige revolution\u00e4re Kraft ist die Kunst. Die Kunst ist in einer Krise. Alle Gebiete sind in einer Krise. Die Kunst ist nach meiner Meinung die einzig evolution\u00e4re Kraft.\u201c Dies verk\u00fcndete Joseph Beuys. Er meint, was er sagt und lenkt den Blick auf das Sch\u00f6pferische, welches die Weltentwicklung bef\u00f6rdert. Und: Jeder Mensch ist kreativ!<\/em><\/p>\n<p><em>In meinen Romanen soll der Leser all diesen Facetten des Menschseins begegnen. Der Vernunft ebenso wie der (scheinbaren?) Willk\u00fcr des Schicksals, der Freiheit wie der Bestimmung, dem Erleben von Sinn und Sinnlosigkeit \u2026 Die Schilderung der Wirklichkeit soll frei flie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p><em>Zu schreiben bedeutet, in ein inneres Erleben einzutauchen, das seine eigene Wahrheit erz\u00e4hlt. Gedanken und Gef\u00fchle speisen sich in vielem aus dem zuvor noch Unbewussten und lassen es zum Ausdruck kommen. Die Frage nach der Wahrheit stellt sich in anderer Form. Das dem Schreibenden zuvor selbst noch Unbekannte will in Worte, S\u00e4tze und Handlung gefasst werden. So erz\u00e4hlt Salman Rushdie 2019 in einem Interview mit der ZEIT vom Schreiben: \u201eEs hat nichts mit Hausbau zu tun, es gibt kein Fundament und kein Dach. Es ist eher wie eine riesige Wollkugel, aus der drei F\u00e4den herausgucken; und an denen ziehst und ziehst du, und erst am Ende siehst du, was das ist. Als ich j\u00fcnger war, habe ich viel mehr Architektur gebraucht, Zeichnungen, Pl\u00e4ne. Heute m\u00f6chte ich manchmal keine Ahnung haben, was passiert. Toni Morrison sagte mir einst, dass sie dem Moment der Sch\u00f6pfung vertrauen wolle; Miles Davis wusste auch nicht, wohin es ihn f\u00fchrte, wenn er die Trompete an die Lippen setzte. Der Autor, der das am extremsten macht, ist Michael Ondaatje: Er beginnt mit ganz wenig, manchmal nur einem Gedanken, und dann f\u00fchrt es ihn \u00fcber viele m\u00fchsame Jahre irgendwohin.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>So kann die Kunst die Gegens\u00e4tze umfassen \u2013 die Sch\u00f6pfung sch\u00f6pft aus der Ganzheit des noch Unbekannten \u2013 und von dem berichten, was jenseits von bekannten Welt- und Menschenbildern liegt. Sie mag dann gef\u00e4hrden, was dem Betrachter oder Leser so sicher erscheint, sich einer Einordnung in bekannte Muster verweigern und frei sein! Freiheit kann Angst machen, bereichern, helfen, ver\u00e4ndern. Freiheit bedeutet stets von einer neuen M\u00f6glichkeit zu wissen. In diesem Sinne ist der Mensch frei. War es dies, was Denis Scheck meinte?<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Roman \u2013 und meine Romane suchen dies \u2013 vermag in die Wirklichkeit der Tr\u00e4ume einzutauchen. Sie lassen sich direkt schildern oder m\u00f6gen Anlass sein, an einem Faden, der aus ihnen herausschaut zu ziehen und sie weiterzuentwickeln, sie in eine Geschichte zu gie\u00dfen und zu bestaunen was sich zeigt. Man ist vielleicht geneigt, fantastisch zu nennen, was dann zutage tritt, aber zugleich ist es Wahrheit, Realit\u00e4t, die sich der Welt pr\u00e4sentiert.<\/em><\/p>\n<p><em>Tr\u00e4ume nutzen Gleichnisse, vielleicht auch Metaphern, um die Qualit\u00e4t einer Wirklichkeit unabh\u00e4ngig von Zeit und Raum zu beschreiben. Diese Umschreibung will sich dem Verstand nicht sofort offenbaren, sondern wendet sich zun\u00e4chst an das Nichtbewusste. Denn der Verstand k\u00f6nnte begrenzen, was der Traum zu sagen hat, begrenzen auf das, was er in der Lage ist zu verstehen, wie er es gelernt hat. So offenbart uns der Traum eine tiefere Wirklichkeit und befruchtet das Schreiben, wenn der Autor in den Tagtraum eintaucht und sch\u00f6pft. Dies ist eine direkte Begegnung mit dem Geist.<\/em><\/p>\n<p><em>Unsere Zeit leugnet den Geist, denn er stellt sowohl die Materie wie auch die Objektivit\u00e4t infrage. Wer schreibt kann die Erfahrung machen, dass es der Geist ist, der gestaltet, und die Materie darf gleichberechtigt daneben stehen, um ihn erlebbar werden zu lassen. Die Dinge, der Raum und die Zeit, die der Geist nicht kennt und von denen die Materie wei\u00df, lassen uns verstehen. So vers\u00f6hnen sich Geist und Materie in Einem. Zusammen bilden sie die Welt. Doch die Kunst hat es schwer, wenn allein die Idee einer objektiven Wissenschaft und der Materialismus herrschen und im Willen der Menschen auch siegen sollen.<\/em><\/p>\n<p><em>Stets wird der Glanz wahrer, kreativer Kunst durch den Nebel scheinen, den ein herrschendes Weltbild im Bem\u00fchen zu verstehen, \u00fcber sie ausbreitet. Der Leser muss neu verstehen wollen, wenn ihm Literatur dabei dienen soll, neu zu erkennen, wer er selbst ist. Das Leben verlangt dies, denn es ist stete Entwicklung. Ist der Mensch an einem Ziel angekommen, tut sich sofort ein neues auf, das das Erreichte hinterfragt. Wollen wir Menschen das? In jedem Fall m\u00fcssen wir es erfahren.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Autor, der aus dem Unbewussten, den Tr\u00e4umen sch\u00f6pft, er kann daran Halt gewinnen und von einer Wahrheit wissen, die kein herrschendes Weltbild zu schenken vermag. So darf er seiner selbst gewiss sein, wenn er ehrlich auf sein Erleben schaut. Und dar\u00fcber schenkt er sich und seinen Lesern einen Lebenssinn, indem nun im Innersten \u2013 zumindest f\u00fcr einem Augenblick \u2013 verstanden werden kann, warum geschieht, was geschieht. Dies zu sp\u00fcren bedeutet Gl\u00fcck zu erfahren. Wenn sich neue M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen, l\u00e4sst sich Freiheit finden. So ist Kunst nicht ein weiterer Blickwinkel im Widerstreit des Bem\u00fchens, die Wirklichkeit zu verstehen, sondern ein Zugang zu Gl\u00fcck und Freiheit, welche die Pole der Objektivit\u00e4t und Subjektivit\u00e4t, des Geistes und der Materie in sich zu vereinen vermag.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Kunst gibt nicht dem \u203aAls-ob\u2039 Ausdruck, sondern dem, wie die Wirklichkeit im Ursprung ist.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Es geht bei der Kunst nicht darum, etwas zu erschaffen, <\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>das nicht der Realit\u00e4t entspricht und nicht wahr ist. <\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Es geht bei Kunst darum, <\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>die Wirklichkeit besser zu verstehen und eine tiefere Wahrheit zu ber\u00fchren.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Michael Wolfgang Geisler 2020<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/einschamanenweg.de\/?page_id=1279\">Zur\u00fcck<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Schreiben, Denken, Glauben und Tr\u00e4umen in unserer Zeit \u201eVermag das Buch meinen Blick auf die Welt dauerhaft zu ver\u00e4ndern? 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